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Fata non grata

Der Verlust des Malers schmerzt doch mehr, als ich erwartet hab. Ablenkung hilft da am besten, denke ich mir, und stürze mich wieder ins Online-Dating.

"Chriss" schreibt mich an und hat sogar mein Profil gelesen und ich muss zugeben, dass meine Ansprüche wohl ziemlich niedrig sind, denn das reicht mir schon fast. Ein paar Tage schreiben wir hin und her, telefonieren kurz und verabreden uns für Sonntag in der Stadt auf einen Kaffee.

Ich denke darüber nach, Musik in der Zeit beim Großen zu lassen, immerhin wohnt der da auch - aber das würde mich in Erklärungsnot bringen, warum ich am Sonntag in die Stadt will und deshalb lasse ich es lieber. Wie immer zu früh stehe ich am vereinbarten Treffpunkt und meine Erwartungen sind höher als der Kirchturm gegenüber. Es gibt nur ein Problem...ich kann mich partout nicht daran erinnern, wie der Kerl aussieht. Auf dem einzigen Foto, das ich von ihm kenne, ist sein Gesicht zu einer Schnute verzogen, er hat einen unseligen Bart unterm Mund und... ja, ähm, und? Ich glaube, er hatte Haare. Braune Haare? Ja, könnte sein, braune Haare. Trug er ne Brille? Bin mir nicht mehr sicher. Er wirkte jedenfalls nicht besonders groß und eher schmal. Mir fällt auf, dass das etwas dürftig ist und ich komme ins Schwitzen. Zur Sicherheit positioniere ich mich zentral auf dem Platz und beobachte alle, die da so entlang scharwenzeln. Das entpuppt sich allerdings zu einer kleinen Horrorshow. Wenn jemand auf mich zukommt und meinen Blick erwidert, denke ich sofort: das könnte er sein - und anschließend: Oh nein, bitte nicht.

Fünf Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt tritt allerdings ein junger Mann auf die Bildfläche, der sich ebenfalls so suchend umguckt wie ich. Er blickt auf die Uhr und stellt sich an den Aufgang zur U-Bahn, genau dahin, wo wir uns treffen wollten. Er hat einen Bart und braune Haare und eine Brille... und er sieht sehr nett aus. Holy Cow! Meinen Mut zusammennehmend gehe ich zu ihm rüber.

"Hey, du bist Chris, oder?"

"Wie bitte?" Er beugt sich zu mir runter. Sein Mund sieht anders aus als der auf dem Foto, aber da war es ja auch eine Schnute.

"Ähm, bist du Chris?"

"Oh. Ne, ich bin der Damian. Du bist aber auch nicht Anita."

Ich gucke verwirrt, da lacht er. Sehr süß, mit Grübchen und so.

"Hast du etwa auch ein Date hier? An diesem Treffpunkt - um drei Uhr?"

"Ja, du etwa auch? Ach nein, so was. Gibt's ja gar nicht", stammel ich und ringe nach Worten.

"Seh ich ihm denn so ähnlich?"

Tja nun, das ist jetzt etwas peinlich. "Ich hab's nicht so mit Gesichtern", sage ich vage und gebe damit die harmlose Variante von "Ich bin so gesichtsblind, ich würde nicht mal meinen Vater mit ner neuen Brille erkennen" preis.

Ein paar Sekunden stehen wir uns noch schweigend gegenüber, dann zucke ich die Schultern und sage: "Dann noch viel Erfolg!" und verziehe mich ein paar Meter weiter, um zu warten. Die Zeit vergeht, Damian dreht sich unruhig immer wieder um und ich frage mich, wer wohl besagte Anita ist. Ob sie sehr hübsch ist? Vielleicht versetzt sie ihn ja auch. Vielleicht werde ich auch gerade versetzt. Oh lala, wenn wir beide versetzt würden, könnten wir stattdessen miteinander ausgehen und wir hätten die allerbeste Kennenlerngeschichte überhaupt, die wir unseren Enkeln erzählen könnten.

Ich bin ein bisschen in Gedanken versunken, deswegen überrascht es mich, als plötzlich ein Schatten auf mich fällt. Vor mir steht ein Koloss. In viel zu engem Hemd, das deswegen unten aufgeknöpft ist und den Blick auf einen weichen, weißen Bauch freigibt. Auf dem Kopf trägt er eine verwaschene Mütze, allerdings so weit hoch geschoben, dass ich erkennen kann, dass er weder braune noch sonst irgendwelche Haare hat. Einen Bart hat er nicht und er sieht eher aus wie 46 als wie 36.

"Hey du! Ich bin überpünktlich!", grinst er und hinter seiner Schulter fällt mein Blick zufällig auf die U-Bahn-Anzeigetafel, die exakt 15:02 zeigt. Irgendwas riecht hier etwas muffig.

 

30.6.17 06:39


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Von vorne

Der Maler hat den Pinsel geschwungen und ist in seinem Lieferwagen davongebraust.

 

Ja, das hab ich selber versaut. Immer zu viel denken, zu viel arbeiten, keine Nähe zulassen, nicht fallen lassen können.

Nach einer Woche mehr oder weniger Funkstille bestellt er mich in das Lokal, in dem unser erstes Treffen stattfand. Och nee, war mein erster Gedanke. Nicht dahin. Keine Lust. Aber je mehr Zeit verstrich, desto sicherer wurde ich mir plötzlich doch: gib dem Kerl noch eine Chance. Mach's besser, sag ihm, was dich stört und nimm nen neuen Anlauf.

Frohen Mutes komme ich im Restaurant an. Er drückt mich und gibt mir einen Kuss, kommt aber ohne Umschweife zur Sprache, ehe ich mich setzen kann.

"Das mit uns, das geht nicht mehr."

ZOING BÄNG. 

"Äh, wie bitte?"

"Ja, mir gings total schlecht, als du letztes Wochenende nicht zu meiner Gartenparty gekommen bist. Und mal ehrlich: Im letzten Jahr durfte ich nur einmal bei dir übernachten. Mir fehlt die Nähe. Ist mir alles zu kompliziert."

Abgesehen davon, dass wir uns erst seit vier Monaten kennen, hat er ja recht. Allerdings war es furchtbar, als er bei mir übernachtet hat. Ich hatte um 23:30 Feierabend, aber er wollte ja unbedingt, also holte ich ihn ab, denn es war natürlich nicht zu erwarten, dass der feine Herr mal auf seine Feierabendbiere verzichtet hatte. Bei mir angekommen peinliches Rumfummeln, ne schnelle Runde ficken, dann lag da plötzlich dieser Kerl in meinem Bett und meckerte: "Kannst du nicht mal ruhig liegen?" Um vier Uhr stand ich auf und werkelte in der Küche. Im mühsamen Bestreben, ja keinen Lärm zu machen, knallte ich mit dem Kopf gegen Schränke, ließ Teller fallen und stand ständig unter Strom. Um sieben stand er dann auf, es war Sonntag, ich musste bald los. Er und das Schlafzimmer rochen muffig. Wir gingen schnell eine Runde mit Musik raus, dann machte ich Frühstück. Wie immer bestand er darauf, bloß nicht mir gegenüber zu sitzen. Wie ein altes Ehepaar mussten wir also nebeneinander sitzen, um uns ja nicht in die Augen gucken zu können. Während ich duschte, bat ich ihn, einen der Bettkästen zusammenzuschrauben. Erstens musste ich ihn ja irgendwie beschäftigen, zweitens war er immerhin Handwerker. Als ich aus der Dusche kam, tobte er. "Scheiß Anleitung, ich hab das falschrum dran gemacht!"

"Hast du dich nicht gefragt, warum ich mich die ganze Woche nicht gemeldet hab?"

Ne, hatte ich nicht. Warum auch. Mir war schon klar, dass der Herr sauer war und mich so zappeln lassen wollte, wie ich es mit ihm gemacht hatte. Nur mit dieser Entscheidung seinerseits hatte ich nicht gerechnet. Respekt dafür.

"Hast DU dich nicht gefragt, warum ich mich nicht gemeldet habe?"

"Ach, warst du auch sauer?"

Erwischt. Na gut. Der Kellner kommt, ich winke ab. Ich breche in zwei Minuten sowieso auf. Muss nur noch mein alkoholfreies Bier austrinken.

"Was, du willst sofort gehen? Ich dachte... also ich dachte, wir könnten Freunde bleiben."

Ich muss lachen. 

"Denn du bist eine tolle Frau, echt. Also, es liegt nicht an dir."

Bevor er den Song des Herzensbrechers weitersingen kann, muss ich ihn unterbrechen. Es brodelt in mir und was dann folgt, musste nicht sein.

"Also, es wäre ja schön gewesen, wenn du mal nachgefragt hättest, was los war. Ich war nämlich beim Arzt und hab ne ziemlich beschissene Diagnose bekommen. Werde wohl bald ins Krankenhaus müssen, aber ob das hilft, weiß man noch nicht."

Da ist im Prinzip nichts Gelogenes dran, aber Sprache ist ja biegbar und ich habe sie eben an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gedehnt.

"Da siehst du mal, warum ich nicht zu Ärzten gehe. Ich will so was gar nicht wissen."

Ok, damit hat er den Vogel abgeschossen und mir fällt es leichter. Scheiß auf das halbvolle Bierglas. Ich werfe theatralisch zehn Euro auf den Tisch, wickel Musiks Leine vom Tisch und erhebe mich.

Ein verlegener Drücker. Au revoir.

27.6.17 06:52


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