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Von vorne

Der Maler hat den Pinsel geschwungen und ist in seinem Lieferwagen davongebraust.

 

Ja, das hab ich selber versaut. Immer zu viel denken, zu viel arbeiten, keine Nähe zulassen, nicht fallen lassen können.

Nach einer Woche mehr oder weniger Funkstille bestellt er mich in das Lokal, in dem unser erstes Treffen stattfand. Och nee, war mein erster Gedanke. Nicht dahin. Keine Lust. Aber je mehr Zeit verstrich, desto sicherer wurde ich mir plötzlich doch: gib dem Kerl noch eine Chance. Mach's besser, sag ihm, was dich stört und nimm nen neuen Anlauf.

Frohen Mutes komme ich im Restaurant an. Er drückt mich und gibt mir einen Kuss, kommt aber ohne Umschweife zur Sprache, ehe ich mich setzen kann.

"Das mit uns, das geht nicht mehr."

ZOING BÄNG. 

"Äh, wie bitte?"

"Ja, mir gings total schlecht, als du letztes Wochenende nicht zu meiner Gartenparty gekommen bist. Und mal ehrlich: Im letzten Jahr durfte ich nur einmal bei dir übernachten. Mir fehlt die Nähe. Ist mir alles zu kompliziert."

Abgesehen davon, dass wir uns erst seit vier Monaten kennen, hat er ja recht. Allerdings war es furchtbar, als er bei mir übernachtet hat. Ich hatte um 23:30 Feierabend, aber er wollte ja unbedingt, also holte ich ihn ab, denn es war natürlich nicht zu erwarten, dass der feine Herr mal auf seine Feierabendbiere verzichtet hatte. Bei mir angekommen peinliches Rumfummeln, ne schnelle Runde ficken, dann lag da plötzlich dieser Kerl in meinem Bett und meckerte: "Kannst du nicht mal ruhig liegen?" Um vier Uhr stand ich auf und werkelte in der Küche. Im mühsamen Bestreben, ja keinen Lärm zu machen, knallte ich mit dem Kopf gegen Schränke, ließ Teller fallen und stand ständig unter Strom. Um sieben stand er dann auf, es war Sonntag, ich musste bald los. Er und das Schlafzimmer rochen muffig. Wir gingen schnell eine Runde mit Musik raus, dann machte ich Frühstück. Wie immer bestand er darauf, bloß nicht mir gegenüber zu sitzen. Wie ein altes Ehepaar mussten wir also nebeneinander sitzen, um uns ja nicht in die Augen gucken zu können. Während ich duschte, bat ich ihn, einen der Bettkästen zusammenzuschrauben. Erstens musste ich ihn ja irgendwie beschäftigen, zweitens war er immerhin Handwerker. Als ich aus der Dusche kam, tobte er. "Scheiß Anleitung, ich hab das falschrum dran gemacht!"

"Hast du dich nicht gefragt, warum ich mich die ganze Woche nicht gemeldet hab?"

Ne, hatte ich nicht. Warum auch. Mir war schon klar, dass der Herr sauer war und mich so zappeln lassen wollte, wie ich es mit ihm gemacht hatte. Nur mit dieser Entscheidung seinerseits hatte ich nicht gerechnet. Respekt dafür.

"Hast DU dich nicht gefragt, warum ich mich nicht gemeldet habe?"

"Ach, warst du auch sauer?"

Erwischt. Na gut. Der Kellner kommt, ich winke ab. Ich breche in zwei Minuten sowieso auf. Muss nur noch mein alkoholfreies Bier austrinken.

"Was, du willst sofort gehen? Ich dachte... also ich dachte, wir könnten Freunde bleiben."

Ich muss lachen. 

"Denn du bist eine tolle Frau, echt. Also, es liegt nicht an dir."

Bevor er den Song des Herzensbrechers weitersingen kann, muss ich ihn unterbrechen. Es brodelt in mir und was dann folgt, musste nicht sein.

"Also, es wäre ja schön gewesen, wenn du mal nachgefragt hättest, was los war. Ich war nämlich beim Arzt und hab ne ziemlich beschissene Diagnose bekommen. Werde wohl bald ins Krankenhaus müssen, aber ob das hilft, weiß man noch nicht."

Da ist im Prinzip nichts Gelogenes dran, aber Sprache ist ja biegbar und ich habe sie eben an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gedehnt.

"Da siehst du mal, warum ich nicht zu Ärzten gehe. Ich will so was gar nicht wissen."

Ok, damit hat er den Vogel abgeschossen und mir fällt es leichter. Scheiß auf das halbvolle Bierglas. Ich werfe theatralisch zehn Euro auf den Tisch, wickel Musiks Leine vom Tisch und erhebe mich.

Ein verlegener Drücker. Au revoir.

27.6.17 06:52
 


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